SCHATZKÄSTCHEN

Alle, die Überraschungen lieben, finden auf dieser Seite einen neuen Text, eine neue Arbeit oder Ideen, an denen ich gerade spinne oder Schätze, die aus dem Haus gehen wollen.

 

 

 

Die Namenlose

 

Was keinen Namen hat, ist nicht zu fassen und nicht zu begreifen. Und genau

diesem Phänomen gibt die Namenlose einen Raum. Wir spüren öfter in uns

Schatten, Unerlöstes, Schweres, Schmerzliches, das wir noch nicht benennen

können, das aber einen Weg sucht, erkannt und benannt zu werden.

Für diese Dinge suchen wir Namen, und vieles braucht Zeit, um in die Namen

hineinzuwachsen. Wenn wir mutig genug sind, wollen wir uns erkennen und

uns mehr und mehr aus den Schattenländern dem Licht zuwenden, um über uns

erzählen zu können.

Wenn wir aber verdrängen und abspalten, wuchern die namenlosen

Unbekannten in uns, versperren Wachstumswege und trennen ab, was wir

erlösen könnten.

Die Namenlose schaut immer nur hin und wieder hin und öffnet das Tor zur

Unterwelt. Sie sagt nicht, spürt dem Empfinden nach, bewertet nicht und legt

tröstend die Hand auf das, was weh tut.

Wenn du dann einer Schattenfigur einen Namen geben kannst, wenn du

wirklich begreifst, wozu sie dir dient, dann hat die Namenlose ihre Arbeit fürs

erste gut gemacht und wartet, bis du sie wieder auf Reise schickst.

 

In sich trägt sie Namenloses, was mit etwas Geschick aus ihr heraus geschoben

werden kann.

Der leere weiße Raum in ihrem Inneren gibt dir Möglichkeiten, etwas

hineinzulegen, was dich beim Suchen des Namen unterstützt oder Wegweiser sein kann.

 

Andrea Michel, Mai 2020